Weltgeschehen: Impfpflicht

Warum eine Impfpflicht eine schlechte Idee ist

Kaum ein Thema wird – unter dem Eindruck der aktuellen Masernfälle – so heiß diskutiert wie die Frage der Impfpflicht. Offiziell scheint fast jeder, der gesunden Menschenverstands ist, eine Verpflichtung zu bestimmten Impfungen für die richtige Lösung zu halten. Das ist sie jedoch meiner Meinung nach nicht.

Zunächst: Ich bin Naturwissenschaftler. Das sollte meine Einstellung zu Impfungen eigentlich schon hinreichend erklären. Ich weiß dass, wie und wogegen Impfungen wirken. Und da ich zudem gerne reise, sieht mein persönlicher Impfpass aus wie das „Who is Who“ der tödlichsten Krankheiten (zumindest der, gegen die geimpft werden kann). Eine Impfpflicht halte ich trotzdem für kontraproduktiv.

 

Durchführung?

Allen logischen Argumente voran ein praktisches: Wie soll eine solche Pflicht überhaupt konsequent durchgesetzt werden? Angenommen, Eltern werden in einer Kinderarztpraxis auf die Impfung hingewiesen und verweigern diese. Sollen dann Eltern und Kinder mit körperlicher Gewalt zur Spritze gezwungen werden? Die traumatischen Erfahrungen und Folgeschäden für ein Kind will man sich eigentlich nicht vorstellen. Nicht zuletzt besteht die Gefahr, dass der harte Kern der Impfgegner (eine statistisch gesehen wesentlich kleinere Gruppe, als man angesichts ihrer Social-Media-Lautstärke vermuten möchte!) nicht etwa einlenkt. Stattdessen würde der Kinderarztbesuch schlimmstenfalls generell gemieden, aus Angst, zu einer Impfung gezwungen zu werden. Und zwar unabhängig davon, ob das tatsächlich realistisch ist. Konkret bedeutet das, dass Kinder mit schwerwiegenden Krankheiten oder Verletzungen möglicherweise unbehandelt blieben, sogar sterben könnten, und auch, dass Kindesmisshandlungen, chronische Erkrankungen, Unterernährung […] noch weniger auffielen. Das ist sicher kein wünschenswertes Ergebnis.

 

Langzeiteffekte

Ein Gesetz verabschiedet sich vergleichsweise schnell und einfach. Antrag einbringen, Pfötchen heben oder Kreuzchen machen, Thema Ende. Nein, natürlich ist es nicht wirklich so einfach, aber es kommt eben auf den Vergleich an. Andere Maßnahmen sind schwieriger, komplexer, zeit- und geldintensiver. Daher werden – gerade in Deutschland – Sachverhalte gerne einfach mit irgendeinem Gesetz (am liebsten natürlich ein möglichst umfassendes Verbot …) gelöst. Für Ursachenforschung und –behebung, für Multikausalität und ebenso vielfältige Lösungserfordernisse interessiert sich die Politik generell herzlich wenig. Dauert lang, länger als die nächste Wahlperiode, ist teuer, lässt sich schlecht verkaufen, bäh. Fairerweise muss man eingestehen, dass das nicht auf die Jungs und Mädels im Bundes- und Landtag begrenzt ist. So ein leicht verständliches, knackiges Verbot ist leider auch für breite Schichten der Bevölkerung attraktiver, als sich lange mit einem Thema auseinandersetzen zu müssen. Letztendlich verliert man auf diese Weise aber Menschen. Und was passiert, wenn man Menschen über lange Zeit verliert, muss ich an dieser Stelle nicht erklären (Stichworte: AfD, „Alternativ“medizin). Mit einem simplen Gesetz wird in erster Linie die Auseinandersetzung mit konkreten Fragestellungen vermieden:

 

Ø    Welche Menschen sind nicht geimpft und warum?

Ø    Wer sind Impfgegner?

Ø    Welche Befürchtungen hegen sie?

Ø    Welche Strukturen, Personen etc. sind für das Verbreiten von Fehlinformationen verantwortlich?

Ø    Wie können Impfgegner überzeugt werden?

Ø    Wie können ungeimpfte Personen, die keine Impfgegner sind, erreicht werden?

 

In der Folge einer Pflichtimpfung entstehen vielleicht gezwungene, aber sicher nicht überzeugte Menschen. Solche, die sich endgültig von Staat und Ärzteschaft betrogen, im schlimmsten Fall vergiftet fühlen. Überlegt an dieser Stelle kurz, zu was Menschen fähig sind, die tatsächlich glauben, dass man sie zu einer Vergiftung zwingt. Insbesondere, da solch unzufriedene Menschen auch anfälliger für allerlei andere Schwurbelei und Verschwörungstheorie sind. Die lassen sich nicht einfach kleinreden oder wegignorieren, die sind da, die wählen, haben Berufe und eben auch Kinder. Mir ist bewusst, dass das für Eltern eines Kinds, das nicht geimpft werden kann, weil es erkrankt oder zu jung ist, nur ein schwacher (oder gar kein) Trost ist. Aber auf lange Sicht hilft es auch diesen und allen weiteren Kindern, wenn wir Impfgegner wieder ins Boot holen, anstatt aus Bequemlichkeit eine Parallelgesellschaft zu ermöglichen.

 

Alternativen

Dass die Ausrottung schwerster Krankheiten ein gesellschaftliches Ziel darstellen sollte, steht – so meine ich – nicht zur Debatte. Um Impfgegner, vor allem aber „Impfskeptiker“, also solche, die in ihren Bekundungen und Überzeugungen noch agnostisch sind, zu überzeugen, sollte jedoch in erster Linie auf Aufklärung gesetzt werden. Unsichere Eltern werden mit einem regelrechten Sturm aus Verschwörungstheorien zum Thema Impfen überzogen und sind davon oft nachvollziehbarerweise verunsichert. Hier müssen gezielte und breite Kampagnen greifen, die einerseits verständliche, andererseits aber auch umfassende Informationen bieten. Ebenso sind Ärzte gefordert stärker und regelmäßiger aufzuklären – insbesondere auch Erwachsene, die die größte Gruppe der Ungeimpften darstellen. Denn tatsächlich sind die meisten Ungeimpften keineswegs Impfgegner. Daher sollte ebenso auf Empörung wie auf die bei Ärzten oft anzutreffende Hybris verzichtet werden – so überzeugt man niemanden. Viele Menschen aus Ländern, in denen es keine Möglichkeit gab oder gibt sich impfen zu lassen, gehören zu dieser Gruppe. Diese müssen aufgeklärt werden, dass sie nicht nur ihre Kinder, sondern auch sich selbst kostenlos impfen lassen können. Denn oft liegt hier die Ursache nicht in einer Verweigerung – in vielen Ländern sind schwerste Krankheiten gegenwärtig, die wir schon lange nicht mehr gesehen haben –, sondern in mangelndem Wissen über die Möglichkeiten. Diese Informationen sollten demzufolge auch in verschiedenen Sprachen (Arabisch, Russisch, Französisch etc.) vorliegen und das nicht nur versteckt auf der 37. Seite irgendeiner Behörde, sondern gut erreichbar für jeden.

 

Ein bisschen Verbot

Den Vorschlag, dass Erwachsene, die in Gesundheits- und Erziehungsberufen arbeiten, geimpft sein müssen, halte ich für eine sinnvolle Einschränkung. Dazu würden Kindergärtnerinnen ebenso zählen wie Hebammen, Mediziner und Krankenschwestern.  Auch Personen, die sich lediglich selbst den Heilberufen zuordnen, also Heilpraktiker, Homöopathen etc., sollten dabei eingeschlossen werden. Gesundheitliche Bestimmungen zur Ausübung bestimmter Berufe gibt es bereits vielfach, sie dürften grundgesetzlich wesentlich weniger problematisch sein. Nicht zuletzt kommen explizit diese Menschen mit vielen anderen und vor allem mit vielen anderen Menschen mit geschwächtem Immunsystem in Kontakt. Ein Eingriff an dieser Stelle wäre also besonders wirkungsvoll, ohne die Grundrechte übermäßig zu verletzen.

 

Zwei interessante Artikel zum selben Thema:

https://causa.tagesspiegel.de/gesellschaft/sollte-es-eine-impfpflicht-geben/eine-impfpflicht-ist-gesetzeswidrig.html

http://faktenfinder.tagesschau.de/inland/impfgegner-103.html

Bild von Ewa Urban auf Pixabay